Tschüss Angst: Wie ihr eure Ängste loswerdet

Julian
Meine Angst: Menschen
So war’s vorher:
Ich bin das, was man als introvertiert bezeichnet. Damit habe ich kein Problem. Was aber irgendwann zum Problem wurde, war meine Angst vor der Öffentlichkeit. Jemanden ansprechen, ein Referat halten: für mich der absolute Horror. Sobald ich im Mittelpunkt stand, starb ich tausend Tode. Ständig hatte ich das Gefühl, dass irgendwer mich be- und verurteilt. Wenn ich jemanden lachen hörte, war ich mir sicher, dass man mich auslachte. Wenn man mit mir redete, vermied ich Blickkontakt. Dass sich mein Gesicht bei Kontakt magentarot verfärbte, entschärfte die Situation nicht gerade. Ich hatte schlichtweg Angst vor Menschen – und vor dem, was sie über mich denken könnten.

Selbsttherapie:
Die Lösung war eigentlich einfach: reden! Und zwar mit Fremden! Einen Nachmittag lang lief ich durch die Fußgängerzone und quatschte wahllos Leute an. Konfrontationstherapie, sozusagen. Der erste war ein Tourist, dem ich den Weg zur U-Bahn erklärte. Mein Puls stieg auf 200, ich zitterte, ich stammelte. Aber der Damm war gebrochen. Nummer zwei freute sich über meine Gesellschaft, als ich mich im Café zu ihr setzte. Mit Nummer drei redete ich über das Buch, das sie in der Hand hielt. Am Ende des Tages war ich so erschöpft, als ob ich einen Marathon gelaufen wäre. Aber ein Teil meiner Angst war verschwunden.

Und jetzt?
Besonders gesellig bin ich immer noch nicht. Aber ich kann heute viele Dinge tun, die für mich früher unmöglich waren. Selbstbewusst einen Vortrag halten. Ungezwungen mit mir fremden Menschen reden. Eine Party besuchen, bei der ich nur den Gastgeber kenne. Für die meisten mag das ganz normal sein – für mich ist das alles noch neu. Es fühlt sich gut an.

Erik
Meine Angst: Höhe
So war’s vorher:
Meine erste Frage war immer: „Gibt es dort einen Balkon?“ Wurde ich zu einer Party eingeladen, schlug mein Herz sofort schneller. Ich würde hingehen, nur sorgte ich mich darum, meinen Besuch nicht entspannt verbringen zu können. Lag die Wohnung der Gastgeber höher als das Hochparterre, fiel mir der Aufenthalt extrem schwer. Höhen machten mir Angst. Allein ein Blick aus dem Fenster im ersten Stock war eine echte Mutprobe für mich. Ich brauchte Abstand zu Plätzen, von denen ich theoretisch herabfallen könnte, so unwahrscheinlich das auch wäre. Und wenn ich doch irgendwo hinmusste, wo es hoch war, ging ich oft schwankend, geduckt und unter irritierten Blicken.

Selbsttherapie:
Ich ging in die Innenstadt. Ins größte Kaufhaus. Sechs Stockwerke hoch. Fünf Aufzüge. Fast vollkommen verglast. Ich stieg auf die erste Rolltreppe, hockte mich auf eine Stufe, starrte auf die darüber, wagte keinen Blick nach unten. Im ersten Stock angekommen, fuhr ich wieder herunter, wieder gehockt. Das wiederholte ich fünfmal. Dann ging’s ins zweite Obergeschoss – schon aufrechter stehend. Und als ich eine halbe Stunde später in den dritten Stock fuhr, beobachtete ich bereits vorsichtig die Menschen um mich herum. Das Spielchen trieb ich bis in den sechsten Stock. Bis ich erschöpft, aber auf kaum mehr wackeligen Beinen nach ganz unten sah. Ich hatte tatsächlich viel von meiner Angst verloren.

Und jetzt:
Höhen finde ich nach wie vor blöd. Aber nicht mehr so blöd wie vor meinem Kaufhaustrip. Ich hatte mich meiner Angst gestellt, hatte sie ausgehalten und mich vor den Kaufhausgästen blamiert. Ich habe erreicht, dass ich nicht nur auf Rolltreppen, sondern auch in der Nähe von Fenstern und Balkonen ein ganzes Stück sicherer auftreten kann.

Stefanie
Meine Angst: Fahrrad fahren
So war’s vorher:
Läuft bei mir. Und das wörtlich. Vergangenen Sommer bin ich bei einer Radtour blöd gestürzt. Schlimmer als das aufgeschrammte Knie und das Gelächter von einer Gruppe süßer Jungs, die meinen wohl nicht Hollywood tauglichen Stunt von der anderen Straßenseite beobachtet hatten, war die plötzliche Furcht vorm Fahrradfahren. Mit dem Bike am Fluss entlangfahren und am Ufer picknicken? Ohne mich. Mein Fahrrad hab ich damals nach Hause geschoben, abgestellt und nicht wieder angerührt. Wenn man nicht leicht mit U-Bahn oder zu Fuß kommen konnte, konnte man nicht mit mir rechnen, und ich blieb daheim.

Selbsttherapie:
Als ich mal wieder allein zum Freibad latschte, die Sonne knallte und meine Freunde mit ihren Rädern an mir vorbeirauschten, hat’s gereicht. Zunächst fuhr ich mit dem Fahrrad zu einem 100 Meter von meiner Haustür entfernten Supermarkt. Und das natürlich auf dem Bürgersteig. Die motzigen Kommentare von den Müttern mit ihren Kinderwagen habe ich einfach ignoriert. Ging ja ganz gut. Ein Schritt weiter: auf der Straße fahren. „Wenn man vom Pferd fällt, sollte man gleich wieder aufsteigen“, das Sprichwort von meiner Großmutter in den Ohren trete ich in die Pedale und fahre los. Tschuuuuw. Die parkenden Autos und die Kinderwagen lasse ich hinter mir. Der Fahrtwind braust mir ins Gesicht und in meinem Bauch flattert auf einmal eine ganze Schmetterlingskolonie.

Und jetzt:
Mittlerweile radle ich alle Strecken und kann gar nicht mehr verstehen, vor was genau ich Angst hatte. Mit dem Fahrrad ist man schneller und in der Sonne statt in dunklen U-Bahn-Tunneln. Wenn ich das nächste Mal vom Rad falle, klebe ich ein Pflaster aufs Knie und fahr einfach weiter!

Quelle: yaez

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