Mo. Okt 26th, 2020

Bitte beachten: Der folgende Artikel beschreibt keine real existierende Klinik, sondern ein Modell, wie nach Erfahrungen Betroffener eine Klinik für Sozialphobie aussehen könnte.

Klinik für Sozialphobie
Autor: Fred

Endlich wird es Realität – bald wird die Klinik für Sozialphobie fertiggestellt. Es ist damit die erste psychosomatische Klinik, die ihre Kernkompetenz in der Heilung von Sozialphobie sieht. So etwas gab es bisher nicht und es war dringend nötig, dass endlich so eine Einrichtung entsteht.

Eröffnet wird die Klinik erst im Spätsommer, aber schon jetzt arbeitet das Team auf Hochtouren: Behandlungskonzepte enstehen und unzählige neuere Behandlungsansätze werden getestet. Hierfür werden auch immer wieder Betroffene eingeladen, um erste Erfahrungen zu sammeln. Gleichzeitig können Betroffene Ideen und Wünsche einbringen, was für so eine Klinik wichtig wäre.

Wir hatten das Glück, schonmal einen Blick hineinwerfen zu können. Es war ein spannender Ausflug. Oberarzt Dr. Mühlberg empfing uns am Montag morgen. Er ist ein überaus freundlicher Mensch und wir fassten schnell Vertrauen. Schon nach 5 Minuten lachten wir herzlich zusammen, es ist ganz sonderbar, wie dieser Mensch eine so gelassene und entspannte Atmosphäre um sich verbreiten kann. Er ist auch gar nicht so, wie man sich einen Oberarzt vorstellt: Er ist keine Autorität, die einen von oben herab behandelt. Man begegnet sich vielmehr von Mensch zu Mensch und er ist wirklich an einem interessiert.

Als erstes schauten wir uns die Patientenzimmer an. Jeder Patient hat hier ein Einzelzimmer. Dies ist besonders wichtig, sagte Dr. Mühlberg, weil sozialphobische Menschen ihre Rückzugsmöglichkeit brauchen. Ohne diese Rückzugsmöglichkeit würde ein Großteil der Patienten wohl schon nach wenigen Tagen wieder abreisen – so Mühlberg. Die Zimmer sind klein aber schön: Ein großes Fenster bringt viel Licht in den Raum. Auf natürliche Materialien wurde Wert gelegt – Möbel aus Holz und nicht aus Spanplatte. Ein gemütlicher Sessel hat auch noch Platz im Zimmer. Und auch ein kleiner Schreibtisch, weil die Patienten auch einige Hausaufgaben mitbekommen, z.B. Tagebuch schreiben.

Die Klinik ist übrigens relativ klein und überschaubar. Dr. Mühlberg sagt: „Wir können hier keinen Massenbetrieb draus machen. Menschen mit Sozialphobie brauchen überschaubare menschliche Bezüge. In einer Bettenburg mit 400 Mitpatienten würden sie gnadenlos überfordert. Deshalb beschränken wir uns hier bewusst auf 70 Plätze. Wobei wir hier auch nochmal in 2 Abteilungen unterteilt haben. Aus China kommt ja die Yin-Yang-Symbolik. Yang steht für das Aktive, Yin für das passiv-rezeptive. Beides sind wichtige Qualitäten. Wir fanden dieses Yin-Yang-Konzept sehr passend für die 2 Abteilungen: Die Yin Abteilung beherbergt die Menschen, die in Gruppen eher passiv sind. Und in der Yang Abteilung sind die Patienten, die in Gruppen durchaus aktiv sein können. Beide Gruppen brauchen jeweils ein etwas anderes Behandlungskonzept.“

Es geht weiter zum Speißesaal. Dieser ist aufgeteilt in kleine Nischen, so dass immer nur Kleingruppen von 7-9 Patienten dort ihre Ruhe finden. Mühlberg: „Zahlreiche Betroffene würden massive Probleme haben, wenn Sie in einem großen Speißesaal mit 100 Mitpatienten essen sollten.“

Wir kommen nun zum Bewegungsraum – ein großer runder Raum mit viel Licht und Holzboden. Mühlberg: „Körper in Bewegung – das ist ein wichtiger Teil unseres Behandlungskonzeptes. Selbstvertrauen beginnt beim Körper. Viele Patienten fühlen sich befangen, können sich nicht frei vor anderen bewegen. Und auch der Selbstausdruck über den Körper soll hier entwickelt werden. Wir beginnen hier ganz sanft. Der Raum kann völlig verdunkelt werden und wenn wir uns dann tanzend durch den Raum bewegen braucht keiner Angst zu haben, von anderen beobachtet zu werden. Neben Tanz kommen zahlreiche weitere Bewegungskonzepte zum Einsatz: QiGong, Tai Chi, Yoga, Integrative Bewegungstherapie und DamBaDu (eine abgewandelte Form des TaKeTiNa). Letzteres ist ein musikalischer Gruppenprozess, wo besonders tiefe Erfahrungen von Gemeinschaftsgefühl gemacht werden können.“

Im Entspannungsraum, in dem wir nun sind, liegt flauschiger Teppich. Ein sanftes gelbes Licht schafft angenehme Atmosphäre. Mühlberg: „Hier werden verschiedene Entspannungsverfahren gelehrt, die die Patienten auch nach ihrem Aufenthalt regelmäßig weiter praktizierien sollen. Neben autogenem Training und progressiver Muskelentspannung praktizieren wir hier auch Meditation. Und auch hypnotherapeutische Verfahren kommen zum Einsatz.“

Im Besprechungsraum unterhalten wir uns nun weiter. Dieser Raum ist übrigens auch für Patienten gedacht, um Vortragssituationen zu üben. Hier können etwa 40 Zuschauer Platz nehmen und vorne steht Rednerpult, Beamer, Flipchart und Overheadprojektor zur Verfügung. Zuschauer sind dann andere Patienten.

Dr. Mühlberg erzählt uns einiges über die Behandlungskonzepte. Vieles steht noch nicht genau fest, doch der grobe Rahmen ist abgesteckt. Patienten erhalten sehr viel persönliche Betreuung. Hierzu hat jeder einen Bezugstherapeuten und es gibt täglich eine Sitzung Einzeltherapie. Mühlberg: „Dies ist besonders wichtig, denn bei Sozialphobikern spielt sich vieles im Innen ab, ohne das Gefühle oder Eindrücke nach außen gelangen. Wie es jemanden geht, was im Prozess hier mit ihm passiert, wird in Gruppenveranstaltung oft nicht deutlich. Im Schutzraum der Einzelsitzung können jedoch wichtige Erfahrungen ausgedrückt werden. Die Klinik mit all ihren Begegnungsmöglichkeiten und Erfahrungsräumen ist Anregung. Und in den Einzelsitzungen kann darüber reflektiert werden. In diesem Reflektionsprozess können die Erfahrungen dann sinnvoll integriert werden. Und es gibt auch Anregungen, wie man nun wieder in den Erfahrungsraum Klinik eintaucht.“

Daneben gibt es zahlreiche Gruppenangebote, die individuell für jeden zusammengestellt werden:

Entspannung
Körperausdruck, Körpererfahrung
Sexualität, Flirten und Partnerschaft – ein wichtiges Thema, weil viele Betroffene Probleme haben, eine Partnerschaft aufzubauen.
Theaterspielgruppe – Förderung von Selbstausdruck und sich in verschiedensten Rollen ausprobieren.
Rollenspielgruppe – konkrete belastende Situationen des Alltags durchspielen und Handlungsalternativen erlernen.
Die Lust am Miteiander – Wie gelingt ein befriedigendes Miteinander?
Draußen – Übungsgruppe für Außenübungen: Fußgängerzone, Geschäfte, Bus&Bahn
Mutprobe – In dieser Gruppe kann jeder nach Dingen suchen, die ihm viel Mut abverlangen, um dann diese Erfahrung getragen von der Gruppe zu machen.
Sinnlichkeit, Kuscheln und Wohlfühlen – Was hilft mir, mich wohl zu fühlen, mich zu entspannen? Angenehme körperliche Erfahrungen machen.
Aggressionsgruppe – unterdrückte Wut, Ärger und Zorn können ausgedrückt werden
Expeditition und Abenteuer – Eine Gruppe, die sich für 1 Woche gemeinsam auf Reise begibt und aufeinander angewiesen ist. Ob Bootstour oder glettern im Gebirge, hier ist Teamgeist gefragt.
Lebenssinn und Aufgabe – Jeder Mensch braucht eine Aufgabe und eine Lebenssinn. Hier kann über die eigenen Fähigkeiten und Interessen reflektiert werden und es gibt jede Menge Sinnangebote.
Maltherapie
Gestaltungstherapie – Arbeit mit Ton und anderen Medien
Stimme und Singen – Stimmschulung, sich mit seine Stimme ausprobieren, auch mal laut werden können.
Wille und Schaffenskraft – Wie kann ich mein Potenzial erschließen?
Selbstbehauptung – Lernen, sich durchzusetzen, sich zu behaupten, seinen Standpunkt klar zu äußern.
KnowHow – Hier wird Wissen rund um Sozialphobie und Ängste vermittelt.
Spiritualität – Glaube, religiöse Fragen, Kraft und Heilung, die einem durch spirituelle Öffnung zufließt. Universelle Weisheit, konfessionsübergreifend.
Vertrauen und Misstrauen – Wie entwickelt sich Vertrauen zu anderen Menschen? Wo ist Misstrauen gut und wichtig und wo überzogen?
Handwerk und Arbeit – hier können Erfahrungen in verschiedenen Handwerken gesammelt werden. Es gibt eine Holzwerkstatt, eine Metallwerkstatt und eine Elektronikwerkstatt.
Reittherapie – Der Bewegungsrhythmus des Pferdes hat angstlösende Wirkung, gleichzeitig wird auf vielfältige Weise die Wahrnehmung angeregt. Die Beziehung zum Pferd spielt eine zentrale Rolle.
Watsu – In körperwarmen Wasser wird man durch einen Mitpatienten sanft bewegt, was sehr entspannend sein kann.
Täglich gibt es zudem eine Gruppentherapiesitzung. Jeder Patient ist in einer Kerngruppe mit 7-9 Mitpatienten, einem Therapeut und einer Therapeutin. Hier kann man in der Gruppe an seinen Schwierigkeiten arbeiten.

Eine Spezialität ist unsere Tiergruppe, sagt Mühlberg: „Es geht vor allem darum, wieder in Kontakt zu kommen und sich emotional öffnen zu können. Menschlicher Kontakt wird oft als sehr bedrohlich erlebt, aber viele Betroffene können sich Tieren viel besser emotional öffnen und zuwenden. Deshalb haben wir hier Katzen, Hunde, Kaninchen und Meerschweinchen. Mich hat das tief beeindruckt, als ich einen Patienten begleitete, der kaum eine emotionale Regung zeigte. Als er aber einen Hund streichelte, wurde sein Gesicht weich und entspannt und ein Leuchten war in seinen Augen. Er kam in Kontakt mit seinem Herzen.“

Neben diesen Angeboten übernehmen die Patienten viel Eigenverantwortung und bekommen Aufgaben, selber zu gestalten. Regelmäßig findet z.B. ein bunter Abend statt, wo Sketche aufgeführt, Lieder gesungen oder Gedichte vorgetragen werden. Jeder soll hier in seinen Fähigkeiten gefördert und auch mal mutig herausgefordert werden.

Dr. Mühlberg findet übrigens die Selbsthilfearbeit auch ganz wichtig und möchte sie in das Klinikkonzept mit integrieren. Schon in der Klinikzeit sollen regelmäßige Selbsthilfetreffen einem das Gefühl geben, was Selbsthilfearbeit sein kann. Dies ist auch nochmal ein guter Rahmen, sich direkt untereinander austauschen zu können, ohne das Therapeuten anwesend sind.

Therapeuten – davon gibt es hier überdurchschnittlich viele. Mühlberg: „Das liegt vor allem an der Vielschichtigkeit unserer Angebote und der hohen Behandlungsintensität. Auch das hohe Maß an Einzelbetreuung braucht viel Personal. Es war nicht leicht, hierfür ein Finanzierungsmodell zu finden. Für die ersten 5 Jahre sind jedoch Fördermittel (Konjunkturprogramm II) gewährt, so dass man Erfahrungen mit diesem Klinikkonzept sammeln kann. So wird paradoxer Weise die derzeitige Wirtschaftskrise zu unserer großen Chance. Sozialphobiker sind für mich oft Menschen, die ihre Fähigkeiten und ihr Potenzial noch nicht richtig entdeckt haben. Und wenn diese zu Tage gefördert und genutzt werden können, ist dies auch von unschätzbarem Wert für unsere Gesellschaft. Dafür will ich mich einsetzen. Wichtig ist uns auch, dass wir hier keine elitäre Privatklinik werden. Die Leistungen sollen jedem Betroffenen zur Verfügung stehen.“

Wir waren tief beeindruckt von diesem Ort, der zudem noch landschaftlich sehr schön mitten im Wald liegt. Mühlberg: „Diese Abgeschiedenheit war uns wichtig. Der Ort strahlt Ruhe und natürliche Schönheit aus. Sozialphbobiker brauchen auch immer wieder den Rückzug und diese Abgeschiedenheit, weil sie soziale Beziehungen als schwierig und belastend empfinden. Direkt von der Klinik kann man schöne Waldspaziergänge machen, allein und ungestört. Und so wieder zu sich finden, falls einem der intensive Kontakt in der Klinik zu sehr durcheinandergewirbelt hat.“

Wir sind schon unheimlich gespannt, wann soll denn der Klinikbetrieb hier losgehen? Mühlberg: „Wir arbeiten intensiv an den Konzepten hier, gerade ein paar neuere Forschungen fließen gerade noch in die Konzepte ein. Wenn alles gut geht, wird es Mitte September losgehen.“

Wie sind eigentlich die Heilungschancen? Kann man vollständig geheilt werden? Mühlberg: „Schauen Sie, soziale Ängste und Sozialphobie können schon sehr früh entstehen und sind damit fest in der Persönlichkeit verankert. Auch ist es falsch zu glauben, man müsse aus allen introvertierten Menschen extrovertierte Menschen machen. Sowohl Introvertiertheit wie auch Extrovertiertheit sind sinnvolle Lebenskonzepte und müssen nicht therapiert werden. Was wir hier in der Klinik tun können, ist, wesentliche Impulse zu geben. Impulse und Erfahrungen, die eine Entwicklung anstoßen. Sehnsüchte zu wecken, die sich verwirklichen wollen. Diese werden dann weit über die Klinikzeit hinweg weiterwirken und Weiterentwicklung ermöglichen. Psychische Veränderung braucht vor allem Zeit, da muss man in Jahren denken, nicht in Wochen. Aber sicherlich wird es hier auch tiefgreifende Schlüsselerlebnisse geben, die zu starker Veränderung führen. Das ist so meine Erfahrung aus anderen Kliniken. Wir können vor allem ein gutes Umfeld schaffen, was sich dann ereignen wird, liegt nicht in unserer Hand.“

Mit viel Eindrücken fuhren wir nach Hause und mit der großen Freude im Herzen, dass es nun endlich bald einen idealen Ort der Heilung für Menschen mit Sozialphobie und sozialen Ängsten gibt.

Quelle: Sopha – Dortmunder Selbsthilfe für Menschen mit sozialen Ängsten

Von Sebastian

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