Wo beginnt eine Angststörung?

John William Keedys Leben ist bestimmt von seinen Ängsten und Zwängen. Wo beginnt eine Angststörung? Welche Zwänge gehen damit einher? Ein Gespräch.

Herr Keedy, wann wurde Ihnen bewusst, dass Sie an einer Angststörung leiden?

John William Keedy: Ich wusste schon früh, dass ich keine Menschenmengen mag. Ich begann, belebte Orte wie Einkaufszentren oder Supermärkte zu meiden. Auch in der Öffentlichkeit zu sprechen, fiel mir nie leicht – das wurde auch in der Schule zum Problem. Trotzdem begann ich erst mit 19 Jahren zu verstehen, dass meine Erfahrungen mit Angst tiefgreifender waren als die der meisten meiner Freunde und Bekannten.

Wie haben Sie reagiert, als Sie die Diagnose bekamen?

Auf der einen Seite waren da Furcht, Scham und Unglauben – bei dem Gedanken daran, psychisch krank zu sein und mir nicht länger einreden zu können, bloß schwache Nerven zu haben. Auf der anderen Seite war ich aber auch erleichtert darüber, dass das, was ich erlebte, als echter Kampf validiert war und dass es dafür Behandlungsmöglichkeiten gibt.

Konnten Sie mit Ihrer Familie und Freunden offen über Ihre Krankheit sprechen?

Ich habe zum Glück eine Familie, die mich sehr unterstützt. Meine Eltern haben mir geholfen, Kontrolle über meine Ängste zu gewinnen. Und zeigten viel Verständnis in der Zeit, als ich lernen musste, damit zu leben. Auch meine Freunde waren sehr verständnisvoll, wobei ich ihnen gegenüber nicht so offen war wie mit meiner Familie. Inzwischen wissen sie von meinen Erfahrungen, aber damals hatte ich Sorge, dass sie mich verurteilen und zurückweisen würden. Nichts davon ist glücklicherweise passiert.

Wurden Sie jemals mit Vorurteilen über Ihre Krankheit konfrontiert?

Das ist mir nur einmal passiert, aber ich denke es gibt ein weit verbreitetes Stigma über psychische Krankheiten – dass sie Menschen schwach machen oder dass Menschen, die mit einer psychischen Krankheit zu kämpfen haben, schwach sind. Ich finde das schräg. Von jemandem mit einem gebrochenen Arm würde man ja auch nicht erwarten, dass er durch reine Willenskraft wieder gesund wird. Trotzdem wird eine psychische Krankheit häufig als Ergebnis von Willensschwäche angesehen.

Wie würden Sie Ihre Angststörung einem Fremden erklären?

Die meisten Menschen, die noch nie eine Angststörung erlebt haben, können nur schwer verstehen, was das für eine körperliche Erfahrung ist. Sicher ist es ein emotionaler und mentaler Kampf, aber es gibt eben auch einen sehr fühlbaren Aspekt dabei. Das ist bei einer sichtbaren Wunde einfacher nachzuvollziehen.

Inwiefern haben Ihnen Ihre Bilder dabei geholfen, mit Ihrer Krankheit zu leben?

Mein Tiefpunkt liegt schon einige Jahre zurück. Ich glaube nicht, dass ich die Fotos hätte machen können, wenn nicht schon so viel Zeit vergangen wäre. Trotzdem haben sie mir geholfen, mich selbst besser zu verstehen – und haben mir eine Möglichkeit geboten, meine Identität zu erforschen, mit all ihren Ängsten.

Wie war die Resonanz auf Ihr Fotoprojekt?

Obwohl die Bilder sehr persönlich sind und auf meinen Erfahrungen basieren, können sich offenbar viele Menschen damit identifizieren. Sie sagen mir, dass sie ihre eigenen Erfahrungen in meinen Bildern gespiegelt sehen. Das macht mich stolz. Ich wünsche mir, dass die Bilder weiterhin Licht auf das Erleben von Ängsten werfen und dass sie zu einem offenen Dialog über psychische Krankheiten beitragen.

Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der unter einer Angststörung leidet?

Ich zögere, einen spezifischen Rat zu geben, denn jeder erlebt Angstzustände anders und sollte deswegen auch seine eigenen Entscheidungen treffen – mit professioneller Hilfe. Weil psychische Krankheiten mit Vorurteilen belastet sind und weil nur sehr wenige Menschen über dieses schwierige Thema sprechen wollen, ist es typisch für Betroffene, zu glauben, sie seien mit ihren Problemen allein. In Wahrheit sind psychische Krankheiten generell und Angststörungen insbesondere viel weiter verbreitet als viele vermuten. Daher wäre der eine Ratschlag, den ich jedem mit auf den Weg geben würde: Vergiss nie, dass du mit deinen Erfahrungen nicht allein bist – und sprich darüber!

John William Keedy, 29, lebt in San Antonio, Texas, und arbeitet als Fotograf sowohl an Kunstprojekten als auch in der Werbung. Einblicke in seinen Alltag gibt er auf seinem Instagram-Profil.

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