Sozialphobie: Gehirn reguliert Angst

Bisher ging man davon aus, dass sich das emotionale Netzwerk von Angstpatienten nicht ausreichend an die stressauslösende Situation anpasst. In einer Studie konnte nun gezeigt werden, dass das Emotionsnetzwerk teilweise umgangen werden kann.

Ein charakteristisches Symptom von Angststörungen (SAD: Social Anxiety Disorder) ist eine erhöhte emotionale Reaktion gegenüber potentieller sozialer Bedrohung in Verbindung mit beeinträchtigter Empfindung und Stressregulierung. Grundsätzlich ist Angst eine natürliche Schutzfunktion des Ichs vor einer drohenden Gefahr. Bei SAD ist diese überlebensnotwendige positive Kraft teilweise deaktiviert: Menschen, die an einer sozialen Phobie leiden, meiden gesellschaftliche Anlässe, aus Furcht den allgemeinen Erwartungen nicht zu entsprechen oder von anderen für dumm gehalten zu werden.
Ihre Angst äußert sich häufig mit Schweißausbrüchen, Zittern, Sprachschwierigkeiten, Panikattacken und Übelkeit. Obwohl die Patienten ihre eigene Angst als übertrieben und unvernünftig erachten, hat ihr Verhalten verheerende Auswirkungen auf ihre Sozialkontakte, ihre Karriereentwicklung und ihr Familienleben. In der Folge stellen Angststörungen besonders bei jungen Erwachsenen eine enorme wirtschaftliche und soziale Belastung dar, die häufig zu Suchtgift- und Alkoholabhängigkeit sowie schweren Depressionen führen.

Längerfristige Konfrontation wirkt Angst mindernd
In der Studie mit dem Originaltitel “Increased Neural Habituation in the Amygdala and Orbitofrontal Cortex in Social Anxiety Disorder Revealed by fMRI” haben die beiden Wiener Forscher mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) die Änderungen der Gehirnaktivitäten von Sozialphobie-Patienten und gesunden Probanden gemessen, während sie verschiedene Gesichter mit unterschiedlichen Gefühlsregungen (Zorn, Angst, Traurigkeit, Überraschung, Abscheu…) betrachteten. “Die MRT ist eine nicht-invasive Bildgebungstechnik, die auf dem Einsatz von Magnetfeldern und Radiowellen basiert und daher gänzlich ohne ionisierende Strahlung, wie etwa Röntgenstrahlung auskommt”, erklärt Kognitionswissenschaftler Sladky.

Bei der funktionellen MRT wird eine Serie von dreidimensionalen Gehirn-Bildern aufgenommen, während die Versuchspersonen verschiedene Testaufgaben absolvieren. Jeder einzelne Bildpunkt dieses 3D-Films wird anschließend mittels Regressionsmodels analysiert. Hirnareale, die während des Experiments stärker aktiviert werden, werden auch stärker mit sauerstoffreichem Blut versorgt, wodurch sich in diesem Areal die Intensität des MRT-Signals ändert. Mit statistischen Verfahren können dadurch Aktivitätskarten des Gehirns berechnet und Gruppenergebnisse verglichen werden. Mit diesem Experiment kann die soziale Konfrontation mit unbekannten Menschen stimuliert werden, ohne die an Sozialphobie leidende Person tatsächlich mit einer für sie unerträglichen Angstsituation zu konfrontieren.

In der aktuellen Studie verglichen die beiden Forscher 15 unbehandelte Sozialphobiker (sieben Männer und acht Frauen mit einem Durchschnittsalter von 26,6 Jahren) mit 15 (8 Männer/7 Frauen) gesunden Probanden mit einem Durchschnittsalter von 25,4 Jahren. “Dabei zeigte sich, dass Menschen mit Sozialphobie zwar anfangs eine stärkere Aktivierung im Mandelkern, im medialen, präfrontalen Cortex (OFC) und der Pulvinar-Region des Thalamus aufweisen, nach einigen Durchgängen ging diese Aktivität allerdings zurück”, berichtet Sladky.

Kein Gewöhnungseffekt bei Kontrollgruppe
Nur bei den Angstpatienten entdeckten die Forscher eine Aktivitäts-Abnahme in jenen Gehirnregionen von denen bereits seit längerem bekannt ist, dass sie für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich sind, und dass diese Menschen mit Sozialphobie und anderen Angststörungen hyperaktiv sind. Die anfängliche Hyperaktivität kann durch die unzureichende Gewöhnung an neue Stimuli in den ersten Augenblicken der Exposition begründet werden. Bei der gesunden Kontrollgruppe zeigten sich hingegen keine Gewöhnungseffekte. Bisherige Forschungsergebnisse gingen davon aus, dass sich das emotionale Netzwerk von Angstpatienten nicht ausreichend an die stressauslösende Situation anpassen kann.

Vor dieser aktuellen Forschungsarbeit war es nicht gelungen, die zeitliche Dynamik dieser Hyperaktivität zu analysieren. Durch die längerfristige Konfrontation mit der Testaufgabe ohne fixes Zeitlimit gelang es den Angstpatienten einerseits rascher zu einer Problemlösung zu gelangen, andererseits wurden manche Gehirnregionen umgangen, die gewöhnlich und krankheitstypisch, überaktiviert waren. “Daher liegt der Schluss nahe, dass es auch im Emotionsnetzwerk von Angstpatienten funktionierende Regulationsstrategien gibt, wenngleich es bei ihnen etwas länger dauert, bis diese Mechanismen greifen. Die Fehlregulation dieser Gehirnteile kann also zu einem Teil kompensiert werden”, analysiert Sladky. Außerdem zeige die vorliegende Arbeit die Relevanz des OFC in Zusammenhang mit Angststörungen.

Damit liefern die neuen Forschungsergebnis eine mögliche neurobiologische Erklärung für die fehlende Anpassungsfähigkeit bei sozialen Alltagskonfrontationen und Stresssituationen, die Sozialphobiker ertragen müssen: auch wenn bei den Patienten prinzipiell neuronale Regulierungsmechanismen vorhanden sind, um die angstauslösende Situation zu kontrollieren, scheinen sie erst verspätet wirksam zu werden – möglicherweise zu spät.

fMRT in der Psychiatrie weiterentwickeln
“Der Sinn unserer Grundlagenforschung ist, ein besseres organisches Verständnis von psychiatrischen Erkrankungen zu gewinnen, um auf lange Sicht noch besser individuell abgestimmte, personalisierte Therapiemöglichkeiten anbieten zu können”, betont Sladky. Während funktionelles MRT in der Psychiatrie noch nicht zuverlässig für die Diagnose und Therapieplanung und -überwachung verwendet werden kann, ist sie in manchen Bereichen der Neurologie bereits eine Standardmethode, beispielsweise für präoperative Planung bei Krebspatienten. Der Forscher ist allerdings überzeugt, dass weitere methodische Entwicklungen und vor allem ein besseres theoretische Verständnis vom Ablauf gesunder und krankhafter Gehirnprozesse in der Folge dazu führen werden, dass fMRT als klinische Methode in der Psychiatrie eingesetzt werden kann.

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