Halluzinogene gegen Angst und Depressionen

Neue Forschungen liefern beachtliche Ergebnisse
2009 kommt es in Berlin zu einem tragischen Zwischenfall: Zwei Menschen sterben während einer Therapiesitzung durch einen Drogencocktail. Die Verwendung von psychoaktiven Substanzen war nicht nur illegal, der Therapeut selbst stand unter dem Einfluss von LSD, verlor die Kontrolle und verabreichte Überdosen. Die Berliner Tragödie beruht auf einer dramatischen Fehleinschätzung des verantwortlichen Therapeuten.
Der Schweizer Psychotherapeut Peter Gasser hat Erfahrung mit dieser Form von Therapie. Im Rahmen eines Forschungsprojektes hatte er die offizielle Erlaubnis, LSD zur Behandlung von Angstpatienten einzusetzen. Er sagt: „Dieser Therapeut war nicht sorgfältig bei der Zuteilung der Dosierungen der Substanzen. Ich glaube, er hat auch selber Drogen genommen. Ein weiterer Fehler war das Kombinieren von Substanzen, die man nicht kombinieren sollte. Außerdem war es illegal und keine bewilligte Therapie.“

Sind diese Therapien wirklich sicher?
Peter Gasser konnte in seinem Projekt zeigen, dass eine sichere und erfolgreiche substanz-unterstützte Psychotherapie möglich ist. Allerdings wurden die Patienten nach strengen Maßstäben ausgewählt. Patienten mit psychischen Instabilitäten und Psychosen wurden ausgeschlossen. Ein Erfolg, nach etwa 30 Jahren Forschungsverbot. „Von 1973 bis 2007 gibt es keine therapeutischen Forschungen. Das Projekt ist daher eine tolle Sache, aber es steht weltweit auch noch ziemlich isoliert da. Wir haben noch ganz wenig Informationen und der Wiederbeginn der Forschung läuft entsprechend langsam an“, so Peter Gasser.

Es bleibt die Angst vor dem Horrortrip. Warum es zum Horrortrip oder, wie es in der Forschung heißt, zur „angstvollen Ich-Auflösung“ kommt, ist noch nicht vollständig geklärt. Es sind aber nur rund fünf bis zehn Prozent der Menschen, nach Einschätzung von Experten, durch psychoaktive Substanzen gefährdet.

Trotzdem beschäftigt diese Frage auch die Forscher an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sie ist auch deshalb schwer zu klären, weil die bildgebenden Verfahren nichts über das persönliche Erleben der Probanden im Rausch zeigen können. Der Neuropsychiater Franz Vollenweider sagt: „Die Leute nehmen zu große Mengen solcher Substanzen. Dabei ist das Wichtigste die Dosierung. Außerdem muss man emotional stabil sein. Entsprechend haben wir die Probanden für unsere Experimente ausgesucht. So konnten wir zeigen, dass verschiedene Persönlichkeitsfaktoren das Erleben mitbestimmen. Wir vermuten außerdem, dass verschiedene genetische Faktoren ebenfalls eine Rolle spielen.“

Substanzen bieten viel Behandlungspotential
Im Zentrum der aktuellen Studie steht das mögliche Potential von Psilocybin als Medikament gegen Depression. Es konnte bereits gezeigt werden, dass mittlere Dosen langfristig emotionale Prozesse verbessern können. Die Forscher wollen verstehen, warum dies so ist, welche Patienten in Frage kommen und wie sich eine genaue Dosierung abschätzen lässt.

Des Weiteren geht es darum, durch Veränderung der Moleküle oder Substanzkombinationen die halluzinogene Wirkung abzuschwächen, ohne die emotionale Wirkung zu senken. Bisher weiß man aber noch zu wenig und die Probanden erleben weiter ihr ganz persönliches Hirnkino. Ein Proband sagt: „Ich habe die wildesten, sich verändernden Muster gesehen und religiöse Motive. Ich habe Maria gesehen und ich bin überhaupt nicht gläubig. Erstaunlich, was da alles in mir hochkommt, wenn ich diese Substanz genommen habe.“

Ein deutsch-amerikanisches Forschungsprojekt testet momentan die Anwendung vom Brom-LSD gegen Clusterkopfschmerz. An das Molekül wird ein Brom-Atom gebunden. Damit verliert die Substanz ihre halluzinogene Wirkung. Therapeuten wie Peter Gasser beklagen dennoch, dass in den letzten Jahrzehnten zu wenig geforscht wurde und sieht dafür auch wirtschaftliche Gründe. Er sagt: „Es geht dabei um Substanzen, die man nur wenige Male einnimmt. An solchen Mitteln hat die Pharmaindustrie kein Interesse. Hinzu kommt, dass auch der Ruf dieser Substanzen immer noch schlecht ist. Viele Firmen oder universitäre Institute fürchten sicher auch um ihren guten Ruf, wenn sie in diese Forschung einsteigen.“ Ein bedauerlicher Zustand, denn die Potentiale dieser Substanzen für Medizin und Therapie scheinen weit größer als allgemein vermutet.

Quelle: 3sat

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