Antidepressivum statt Benzo gegen die Angst

Spezielle Phobien wie die Angst vor Spinnen sind mit einer Zwölf-Monats-Prävalenz von 8,7 % die häufigste Angststörung – Betroffene suchen aber nur selten ärztliche Hilfe, so Professor Dr. Dipl.-Psych. Borwin Bandelow von der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen. Auch Patienten mit einer ebenfalls recht häufigen Sozialphobie tauchen relativ selten in der Praxis auf, da sie sich das gar nicht trauen würden, so der Psychiater. Man findet diese Patienten aber relativ häufig unter den Alkoholikern.

Patienten mit Panikattacken trifft man dagegen häufiger in der Notaufnahme an, da Symptome wie Herzrasen, Brustschmerzen und Erstickungsgefühl an einen Herzinfarkt denken lassen. Die generalisierte Angststörung (GAD) mit ständig andauernden Ängsten und Sorgen wird dagegen oft übersehen oder aufgrund der körperlichen Symptome oder begleitenden Depressivität fehlinterpretiert.

Die Evidenz für die medikamentöse Behandlung von Angststörungen ist relativ gut, sagte Professor Dr. Gerhard Gründer von der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik der RWTH Aachen. Allerdings sollte man beachten, dass bei weitem nicht alle zur Behandlung von Angststörungen eingesetzten Medikamente auch tatsächlich für diese Therapie zugelassen sind.

Minidosis Neuroleptikum bei Angststörungen kein guter Ersatz
Von den häufig noch eingesetzten trizyklischen Antidepressiva sind nur Clomipramin und Doxepin für die Therapie von Angststörungen zugelassen. Die Effektivität ist gut belegt – als limitierend erweisen sich häufig die Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit, Sedierung, Schwindel und Gewichtszunahme.

Ebenfalls gut wirksam bei Patienten mit Angststörungen und in der Regel besser verträglich sind selektive Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Aber nicht jeder SSRI ist für jede Angststörung zugelassen, erklärte Prof. Gründer. Lediglich Escitalopram und Paroxetin haben die Zulassung für alle Formen der Angststörung – das gleiche gilt für den SNRI Venlafaxin. Bei der generalisierten Angststörung ist die Datenlage am besten für Venlafaxin, gefolgt von Duloxetin und Pregabalin, so der Referent.

Benzodiazepine nur in der akuten Phase der Angststörung sinnvoll
Kritisch sah Prof. Gründer die vor allem in den USA zunehmend geübte Praxis, niedrig dosierte Antipsychotika bei Patienten mit Angststörungen einzusetzen. Für diese Indikation fehlt nicht nur die Zulassung – auch die Wirksamkeit ist kaum belegt und man handelt sich unter Umständen schwerwiegende Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme und Spätdyskinesien ein. Lediglich für Quetiapin ist eine gewisse Wirksamkeit bei generalisierter Angststörung gezeigt worden – die Verträglichkeit ist aber schlechter als bei Antidepressiva.

Benzodiazepine sind zwar kurzfristig sehr gut angstlösend – hier ist das Abhängigkeitspotenzial bei längerer Anwendung aber hoch. Zugelassen sind diese Wirkstoffe daher nur für einen Therapiezeitraum von höchstens vier Wochen. Weltweit werden aber noch mehr als die Hälfte aller Angstpatienten mit Benzodiazepinen behandelt.

Rezidiv-Prophylaxe bei Therapier der Phobie nicht vergessen
Die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva sollte mindestens sechs Monate nach Einsetzen der Remission fortgesetzt werden. Auch für die kognitive Verhaltenstherapie mit Exposition ist die Evidenzlage vor allem bei Phobien und Panikattacken sehr gut. Bei Panikstörungen ist nachgewiesen, dass vor allem die Kombination von Verhaltenstherapie plus Medikamente zum Erfolg führt.

Ein ganz neuer Ansatz ist die begleitende Therapie mit dem NMDA-Rezeptor-Modulator D-Cycloserin. Bei Sozialphobie und Panikstörungen konnte gezeigt werden, dass die Einnahme unmittelbar vor den Sitzungen den Lernerfolg einer Exposition deutlich steigert. Beim normalen Lernen hilft die Substanz allerdings nicht, so Prof. Gründer. Offensichtlich ist der Effekt an eine starke emotionale Belastung gekoppelt.

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