Alkohol: schnelle Selbsttherapie von sozialängstlichen Menschen

Interesting_alcoholic_beveragesIn sozialen Situationen schafft es ein Glas Wein oder eine Flasche Bier unsere Hemmschwelle zu senken. Wir werden geselliger und kommen leichter mit anderen ins Gespräch. Ähnlich ergeht es Menschen, die an einer sozialen Phobie leiden. Studien belegen, dass Betroffene, die sich eine Angstminderung durch Alkoholkonsum erhoffen, signifikant weniger ängstlich, nervös und angespannt in sozialen Situationen sind, wenn sie zuvor Alkohol getrunken haben, als wenn dies nicht der Fall ist.

Die soziale Phobie zählt zu der Klassifikation der Angststörungen. Allen Angststörungen gemein ist die übermäßige und unbegründete Angst sowie das mittlerweile nachgewiesene Risiko Alkohol zu missbrauchen, in der Hoffnung das Angsterleben abmildern zu können. Vor allem Menschen, mit der psychischen Erkrankung soziale Phobie scheinen vermehrt zur schnellen und einfachen Lösung – Alkohol – zu greifen.

Sie fürchten sich vor sozialen Situationen, in denen sie ihrer Meinung nach Gefahr laufen, von anderen beobachtet und/oder beurteilt zu werden. Bereits eine kurze Unterhaltung mit einem Nachbarn oder ein gemeinsames Essen mit einem Bekannten lösen bei ihnen intensive Angstsymptome aus. Um sich nicht zu blamieren und nicht die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, negativ bewertet zu werden, meiden betroffene Personen mehr und mehr die gefürchteten Situationen. Dieses typische Vermeidungsverhalten scheint jedoch nicht die einzige Strategie zu sein. In klinischen Interviews geben manche an, dass sie von Alkohol eine angstreduzierende Wirkung erwarten und diesen konsumieren, solange sie nicht in ihrer Leistung beeinträchtigt werden oder die Kontrolle über sich verlieren. Sie fühlen sich sicherer im Umgang mit Fremden, weniger nervös beim Beginn eines Gesprächs, weniger in Gedanken daran, welchen Eindruck sie auf andere machen und weniger unsicher. Doch was zunächst als schnelle Lösung erscheint, zieht langfristig schwerwiegende Konsequenzen nach sich. Auf Grund des wohltuenden Effekts, keine Angst mehr in sozialen Situationen zu empfinden, dient Alkohol immer häufiger als Selbsttherapie. Man gewöhnt sich daran. Die benötigte Alkoholmenge wird mit der Zeit größer und sollte einmal auf das gewohnte Maß verzichtet werden müssen, dann stellen sich Entzugssymptome ein. Die betroffenen sozialängstlichen Personen haben eine Alkoholabhängigkeit entwickelt.

Forscher der Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität Gießen haben nun in Studien zur Wirkung von Alkohol auf die erlebte Angst in sozialen Situationen eine plausible Erklärung für den angstsenkenden Effekt durch Alkohol gefunden. Menschen mit einer sozialen Phobie richten ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf Menschen mit einem negativen Gesichtsausdruck. In früheren Studien konnte gezeigt werden, dass die Reaktionszeiten für ärgerliche Gesichter kürzer waren als für freundliche. Man erklärt sich diese Aufmerksamkeitsverzerrung (Vigilanz) mit der übermäßigen Angst vor negativer Bewertung. Sozialbedrohliche Reize werden von sozialängstlichen Menschen demnach schneller verarbeitet. Das interessante ist nun, dass die Ergebnisse einer aktuellen Studie demonstrieren, dass dieser Vigilanzeffekt ausbleibt, wenn Personen mit sozialer Phobie Alkohol zu sich genommen haben.

Auch wenn soziale Situationen mit Hilfe von Alkohol leichter und vor allem ohne Angst auszuhalten sind, sollten sozialängstliche Menschen (aber auch Menschen mit anderen Angststörungen) diese einfache und schnelle Strategie mit Vorsicht genießen. Diese Art der Selbsttherapie schafft nur kurzfristig eine Linderung der Symptomatik und zieht meist weitere Probleme mit sich, wie z.B. die Entwicklung einer Alkoholabhängigkeit. Menschen mit einer sozialen Phobie sollten lieber in einer Therapie erfahren, warum ihnen soziale Situationen Angst bereiten und lernen, mit welchen effektiven Strategien sie diese Situationen langfristig bewältigen können.

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